Kollisionen der Kulturen

05. Mrz 2006

Ich denke, dass der Begriff „Kampf der Kulturen“ übertrieben ist. Nichts desto weniger haben die Konflikte in der letzten Wochen und Monaten gezeigt, dass es ein tiefes Missverständnis – oder vielleicht besser gesagt: Unverständnis der „westlichen“ gegenüber der „islamischen“ Kultur gibt und umgekehrt. Natürlich, wenn man das globale Leben Zusammenleben betrachtet, müsste man auch noch die asiatischen, afrikanischen Kulturen und so weiter betrachten. Doch ich will mich hier auf die beiden eben genannten beschränken.

Der Streit um die Mohammed-Karikaturen, der bis jetzt noch immer nicht ganz beigelegt ist, hat etwas sehr Wichtiges gezeigt, finde ich. Er hat gezeigt, dass nicht nur die Ausdrucksweisen der Kulturen unterschiedlich sind, sondern auch deren Fundamente. Oder um es genauer zu sagen: das Heilige und das Profane in der „westlichen“ und der „islamischen“ Kultur sind nicht deckungsgleich.

In der „islamischen“ Kultur ist die Religion, der Prophet, der Glaube heilig. Wer etwas gegen den Propheten oder den Islam an sich sagt, hat das Heiligste angegriffen, dass die Muslime kennen. Darum reagieren sie zutiefst verletzt und beleidigt [was bis dahin noch ganz in Ordnung ist; problematisch wurde es erst, als man Botschaften stürmte, sie in Brand setzte und dabei sogar Menschen starben].

In der „westlich“ Kultur ist die Religion aber schon lange nicht das Heilige, oder zumindest nicht das Heiligste. So dürfen schon seit Jahren Stand up-Comedians den Papst, die Kirche(n) oder sogar Jesus und Gott durch den Kakao und in den Dreck ziehen, ohne etwas befürchten zu müssen. Religion ist erstens etwas privates und zweitens wird jeder, der sich, weil er meint in seinen religiösen Gefühlen verletzt worden zu sein, auf die Barrikaden stellt, als fanatisch, fundamentale und nicht ganz auf der Höhe der Zeit verschrien.

Deutlich werden diese Unterschiede zum Beispiel in der Rechtsprechung. In Europa käme keiner auf die Idee, jemandes wegen „Häresie“ ins Gefängnis oder gar auf den elektrischen Stuhl zu bringen. (Und das ist wirklich gut so.) Das sieht in der islamischen Welt ganz anders aus – und sah in Europa vor 500 Jahren auch ganz anders aus. Warum? Ganz einfach: Wenn man davon ausgeht, dass das Materielle vergänglich, das Immaterielle, die Seele dagegen unsterblich ist, dann muss ich die Seele der Menschen und ihren Glauben stärker schützen als das physische Leben. Da aber heute in Europa die wenigsten Menschen wirklich daran glauben, dass es ein Jenseits, einen Gott und ein Leben nach dem Tod gibt, kann dieses Leben nach dem Tod auch nicht besonders schützenswert sein. Da die meisten Menschen glauben, dass sie nur dieses eine Leben haben und dass dann nach ihrem Tod alles aus ist, muss dieses physische Leben auch besonders gut beschützt werden und ist somit ihr höchstes Gut – das Heiligste also.

Darum trafen auch die Redakteure der iranischen Zeitung auch genau den Nerv, als sie als Thema jedes Karikaturenwettbewerbes nicht das Christentum, den Papst und die Kirche genommen haben, sondern den Holocaust. Denn wer würde sich schon über eine Karikatur aufregen, in welcher Jesus oder der Papst durch den Kakao gezogen würde? Davon haben mir selber genug. Doch wer sich über den Mord an Millionen von Menschen lustig macht, der hat alle Grenzen überschritten. Nur um etwas klarzustellen: auch ich finde solche Karikaturen unmöglich. Auch für mich ist das Leben des Menschen – eines jeden Menschen – schützenswert, aber (und hier unterscheide mich mich wohl von vielen meiner Landsleute) nicht weil es an sich das höchste Gut wäre, sondern vielmehr, weil der Mensch zum Ebenbild Gottes geschaffen worden ist und weil Gott es so geboten hat. Darum – und nicht aus sich selbst heraus – ist auch das physische Leben des Menschen zu schützen.

Zurück zu Kollisionen der Kulturen: solange wie die Europäer nicht kapieren, dass für die Muslime das physische Leben nicht das höchste Gut ist, sondern ihre Religion – und solange die Muslime nicht verstehen, dass für die Europäer nicht ihre Religion das höchste Gut ist, sondern das physische Leben – solange werden sie aneinander vorbei reden und sich gar nicht verstehen können. Damit meine ich nicht, dass wir unsere Überzeugungen aufgeben müssen, nur um den Konflikt zu vermeiden. Mir geht es jetzt nur darum festzustellen, was die Quelle der Missverständnisse ist bzw. sein wird.

An dieser Stelle, so denke ich zumindest, können wir Christen eine Vermittlerrolle einnehmen. Wir, die wir überzeugt sind, dass es ein Leben nach dem Tod gibt und die wir wissen, dass das physische Leben an sich nicht das höchste Gut ist. Denn wir können die Muslime und ihre Empörung über die Schändung ihres Propheten zumindest zu einem gewissen Grad verstehen. Und weil wir die Kinder unserer Zeit und Gesellschaft sind, können wir natürlich auch verstehen, warum die Europäer das Leben für so schützenswert halten.

Vielleicht können wir von diesem Streit auch zum Nachdenken angeregt werden: Kann es sein, dass wir etwas zu lasch geworden sind, wenn andere über Gott und unseren Glauben spotten? Vielleicht wäre es nicht schlecht, wenn wir unseren Protest dagegen etwas lauter formulieren würden. Nicht mit Gewalt, aber doch vielleicht etwas lauter.

So weit meine Meinung dazu. Ich weiß, ich bin spät dran, aber meinen ersten Versuch haben die Server vereitelt. Damals hatte ich auch einige Links parat, um meine Aussagen zu unterstützen. Nun ja, ihr müsst jetzt damit einfach leben und seid natürlich trotzdem eingeladen, euren Senf dazuzugeben.

C U

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